Klarstellung

von Dr. Gunter Bleibohm (Kommentare: 2)

Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch.
Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?  (Mt 6, 26)

Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? Seid ihr wirklich viel mehr denn sie? Warum meint ihr, dass ihr viel mehr seid? Und wo seid ihr viel mehr? In der Masse, in der Notwendigkeit eurer Existenz, in der Überheblichkeit, im Irrtum eurer Bedeutung? Seid ihr mehr, weil der Zufall euch in eine menschliche Form gepresst hat oder seid ihr nur mehr, weil euer Denken so dürftig ist, dass ihr es nötig habt, andere zu übertreffen? Gibt es einen Beweis, dass ihr viel mehr seid? Oder gilt euch als Beweis, dass ihr alles andere, was nicht menschlich ist, mit dem Vorschlaghammer auf dem Amboss eurer Unzurechnungsfähigkeit zerschlagt, sobald sich Gelegenheit dazu bietet.

Und was wäre wirklich, wenn ihr irgendwo mehr wäret – außerhalb eurer subjektiven Phantasie? Was würde es ändern? Was seid ihr wirklich außerhalb eurer Gedankenwelt, außerhalb eurer Hybris, außerhalb eures Überheblichkeitswahns? Könntet ihr überhaupt so etwas denken und auch das Ergebnis verkraften? Oder brecht ihr dann verzweifelnd zusammen und flüchtet hinter die fiktiven Mauern einer Jenseitsreligion, einer dieser Glaubenskulte, die euch in eurer Jämmerlichkeit und Bedeutungslosigkeit über den Sinn und Wert eurer Existenz belügen, bis ihr endlich genau so verendet seid wie die Vögel, wie jedes Tier, wie jedes Leben schlechthin. Ausnahmslos, immer, gleichmachend, gerecht.

Wohlan, ertragt den Richterspruch des Universums, der euch eure Bedeutung lehren wird. Und was seid ihr wirklich?

Sub specie universi: eine Nichtigkeit, euer Planet, ein nahezu nicht auffindbarer kleiner Punkt im Universum.

Sub specie vitae: eine Nichtigkeit, eine – möglicherweise gar singuläre - Marginalie im Riesenreich der unbelebten Materie.

Sub specie aeternitatis: eine Nichtigkeit, ein nahezu nicht auffindbarer   kleiner Zeitraum in der unendlichen Zeit.

Sub specie terrae: eine Nichtigkeit, ein belebtes Wesen unter zahllosen Milliarden anderer Lebewesen, ausgestattet mit einer begrenzten Zeitspanne an Lebenskraft, ein Wesen, das bei der Geburt bereits dem Tod, der endgültigen Vernichtung, entgegeneilt.

Dies ist der Rahmen, in dem sich eure vermeintliche Bedeutung, euer Leben, abspielt, das ist der Rahmen, der dem kleinsten Wurm die gleiche Notwendigkeit, aber auch die gleiche Vergeblichkeit, Bedeutungslosigkeit und Vergänglichkeit zuweist wie einem Menschenwesen. Vor dem Horizont des Universums hört hier jegliche Ungleichheit auf, denn alles ist gleich nichtig, beliebig, sinnlos.

Und eure kurze Lebenszeit? In der Vorausschau ein Wollen, in der Rückschau ein Vergessen, durchsetzt mit den Nebeln der Erinnerung. Die Ängste, die Hoffnungen, die glücklichen und die schrecklichen Momente versinken im Vergessen, versinken im Zeitablauf in der Nie-Gewesenheit. Warum war das alles und ist heute nicht mehr? Nur um zu dem heutigen Tag zu gelangen? Zu diesem Tag, der mit allen Ereignissen auch im Nichts versinkt? Leben ist etwas virtuelles, ein leerer Wahn, ein Taumeln zwischen Vergessen, Erleiden und Wollen, eine sadistische Quälerei des Seins gegenüber einer entarteten Materie, einer Materie, die mit mehr oder weniger Bewusstsein in die Form von Leben geknechtet wird.

Jagt die Lügenpfaffen endlich vom Hof, hetzt die bissigen Hunde der Vernunft auf sie, bringt ihnen bei, dass ihr endlich aus dem Schlaf der Glaubensumnachtung erwacht seid und euer kurzes Leben, dieses zufällige Aufflackern der Materie, der Erkenntnis widmen wollt, der Erkenntnis, von der Gleichwertigkeit jeglichen Lebens. Zwingt die Narrengilde der Jenseitsprediger ihrem unsinnigen Anthropozentrismus abzuschwören, bringt ihnen Demut vor der real existierenden, belebten Materie bei, beendet endlich die Blutspur ihrer Glaubenshalluzinationen auf diesem Planeten und findet euch damit ab, dass kein Gebet hilft, kein Gott existiert und das am Ende eurer Tage sich euer Sein in Nichts wandelt.

Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?

Nein und nochmal nein, denn alles Leben ist sub specie universi gleich, so wie ein Wassertropfen im Meer dem anderen gleicht, gleich wertvoll, gleich sinnlos, gleich vergeblich.

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Kommentar von Wolfgang Weuster |

Dazu passend:

Der Problemwolf Kurti wurde getötet, da er nicht in das Naturbild des Menschen passte, angeblich störte und gefährlich war und da ein Wolf in einer "zivilisierten" und ausschließlich zum Nutzen des Menschen erschaffenen Welt per se nichts zu suchen hat, mußte er weg.

Zustimmung von allen Seiten. Politiker hatten schon lange seinen Tod gefordert, besorgte Bürger haben sich in seitenlangen Leserbriefen für die Ausrottung des Wolfes ausgesprochen, unzählige Berichte über lebensbedrohliche Begegnungen von völlig verunsicherten Menschen mit dem "Untier" füllten die Gazetten.

Da hatte Kurti einfach keine Überlebenschance mehr.

Dabei übersehen die "Menschen" , das sie und nur sie die Natur bedrohen, verbrauchen und letztlich völlig zerstören.

Das menschliche Gangrän überzieht den Planeten. Ähnlich metastisierenden, bösartigen Krebsgeschwüren überwuchern und zerstören wir unsere Lebensgrundlage.

Dabei wird alles uns Störende als bedrohlich und vernichtenswert bezeichnet.

Vernichtet werden muß aber vielmehr die Krankheit, die den Planeten zerstört.

Kommentar von astrid suchanek |

Dem letzten Satz des Kommentators und dem zugehörigen Beitrag ist uneingeschränkt zuzustimmen, nichts muß hinzugefügt werden. Das einzige - völlig überflüssige - Untier auf dieser Erde ist der Mensch. Nun, es gibt noch ein paar äußerst häßliche kleine Untiere, aber die seien der Natur nachgesehen. Dem völlig aus der Art geschlagenen Tier namens Mensch hat die Natur viel zu lange untätig bei seinen Schandtaten zugeschaut. Bald hat der Leviathan nicht nur ihre wunderbaren Kinder, sondern auch sie selbst völlig vernichtet. Leider genießt er erst danach seinen eigenen Untergang, umgekehrt wäre es richtiger gewesen. Da hat die Natur noch einen Fehler gemacht.