Befreiendes Licht

von Dr. Gunter Bleibohm (Kommentare: 2)

Sehr geehrter Herr Jacobs,

nachdem ich im Flensburger Tageblatt vom 16.1.16 Ihren Artikel „Befreiendes Licht“ intensiv durchgelesen habe, bleiben für mich Fragen und offene Punkte, für die ich keine Hinweise und Erklärungen in Ihrem Text gefunden habe. Ich erlaube mir daher, die wesentlichen Stellen kurz anzureißen.

Es taucht beispielsweise die Behauptung auf, „befreiendes Licht ist Gott selbst“.

Diese Behauptung weist allerdings den Mangel oder präziser, die wissenschaftliche Todsünde auf, dass der Beweis für die Existenz Gottes bis heute fehlt, denn alle Gottesbeweise sind kläglich gescheitert.

Diesen Punkt hat Sam Harris in seinem „Brief an ein christliches Land“ wunderbar formuliert: „Es ist an der Zeit, dass wir uns zu einem ganz grundlegenden Wesensmerkmal des menschlichen Diskurses bekennen: Wenn man über die Wahrheit einer Behauptung nachdenkt, dann befasst man sich entweder mit einer aufrichtigen Bewertung der vorliegenden Evidenz, oder man tut es nicht. Religion ist der einzige Lebensbereich, in dem Menschen glauben, irgendeine andere Norm als intellektuelle Integrität anwenden zu können.“

Er fährt fort: „Während ein unbeugsamer und von keinerlei Evidenz gestützter Glaube in jedem anderen Bereich des Lebens als ein Merkmal von Irrsinn oder Dummheit gälte, genießt der Glaube an Gott in unserer Gesellschaft noch immer höchstes Ansehen. Religion ist das Gebiet im Diskurs der Menschen, auf dem es als edel gilt, vorzugeben, sich über Dinge gewiss zu sein, die kein Mensch je mit Gewissheit wissen kann. Bezeichnenderweise erstreckt sich diese Aura des Edelmuts jedoch nur auf die Glaubensweisen, denen sich gegenwärtig viele Menschen verschrieben haben. Jeder Mensch, der dabei ertappt würde, wie er Poseidon verehrt – und sei es, er täte es auf hoher See -, würde für verrückt erklärt.“

Verlassen wir Sam Harris und wenden uns dem „Licht für Menschen, die Hilfe brauchen“ zu. Zum einen scheinen Ihnen völlig die Passagen des AT entfallen zu sein, in denen der „liebe Gott“ zu Mord, Totschlag, ja gar zum Genozid aufruft (siehe hierzu auch: http://www.pro-iure-animalis.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1022&Itemid=54).

Und sind Sie wirklich der Meinung, dass bei täglich ca. 20.000 verhungernden Kindern dieses „Licht“ Gottes für diese unschuldigen Wesen leuchtet? Es scheint ihm egal zu sein, er zeigt sich in der Realität als der Mördergott, den das AT so treffend charakterisiert. Gänzlich unverständlich wird aber Ihre Behauptung, wo denn das Licht und die überstrapazierte Liebe Gottes zu den Menschen – bleiben wir nur in der Neuzeit - in Auschwitz, Nagasaki und Hiroshima, im Vietnamkrieg und in den heutigen Religionskriegen des IS zu suchen war und zu suchen ist. Hier von „seiner Herrlichkeit“ zu sprechen ist eine bösartige Verhöhnung der Opfer.

Ihre Ethik erscheint als ein Wunschdenken, ein irreales Phantasiegebilde und – was das Schlimmste ist und intellektuell unredlich – es ist ein perfides anthropozentrisches Konstrukt, das alle nichtmenschlichen Lebewesen konsequent ausklammert und damit deren Leiden zu Gunsten einer Spezies manifestiert. Diese Ethik ist somit fragmentarisch und als isoliert stehendes Gebilde nahezu unbrauchbar, wertlos.

Formuliert man die Worte von Günther Anders aus seinen „Ketzereien“ etwas um, ergeben sich Fragen, auf welche die christliche Ethik – wohl mangels Interesse oder Kompetenz – beharrlich schweigt, immer geschwiegen hat:

Wenn es ihn gibt, dann ist er einer, der die Massentierqual, der die Schlachthäuser nicht verhindert. Er ist also einer, der - die Hände im Schoß - diese Ereignisse zulässt?

Er ist also einer, der einer einzigen Spezies seine ganze Schöpfung zum Fraß, zur Vernichtung vorwirft?

Ist ein solcher Gott ein gerechter Gott? Ein liebender Gott? Ein barmherziger Gott? Einer, zu dem wir beten dürfen, ohne uns zu entwürdigen? Einer, den wir anbeten dürfen, ohne uns zu schämen?

Findet ihr nicht, dann schon besser kein Gott, als ein bluttriefendes Monster?

Empört euch nicht die Würdelosigkeit derer, die einem, der dies zulässt, sich noch im Gebet nähern, ihn noch als liebenden Gott umlügen?

Meinen Sie wirklich, das Schwein im Kastenstand, das Huhn in der Legebatterie und das Kalb, das wegen und im Religionswahn geschächtet wird, spüren auch nur das geringste von dem „Licht Gottes“, von der wundervollen Ethik, mit welcher sich die menschliche Spezies zur „Dornenkrone der Schöpfung“ hochgelogen hat? Vielleicht können Sie in diesem Punkt mein Wissen aus theologischer Sicht erweitern und mir zeigen, wie sich die christliche Theologie der geschundenen Tierwelt nachhaltig zuwendet. Erst dann dürften die Denker unter den Gläubigen sagen: Fiat lux. Bis dahin sollten sie und Sie aber aus Gründen der Redlichkeit schamhaft schweigen.

Lieber Herr Jacobs, ich würde mir wünschen, dass Sie den Weg zu einer alle Lebewesen einschließenden Ethik finden, denn nichts wäre notwendiger in einer Welt, die zusehends trotz oder wegen der Religionen ins Chaos trudelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Gunter Bleibohm

Die Antwort von Herrn Jacobs

Sehr geehrter Herr Bleibohm,

so kurze Abhandlungen wie das „Wort zum Sonntag“ lassen im vorgegeben Rahmen nur ausschnitthafte Betrachtungen zu. Die Aussage „befreiendes Licht ist Gott selbst“ ist meine Deutung des biblischen Wochenspruches .Im historischen Kontext dies Bibeltextes gilt die Aussage Menschen, die Dramatisches durchlitten hatten. Sie hat keinen Beweischarakter (Gottesbeweise sind seit Kant nicht mehr relevant) sondern Hinweischarakter: ich sehe das Leid von Kindern und Lebewesen überhaupt als Verstoß gegen etwas, das offenkundig vielen Menschen heilig ist und zu Protest und Veränderung motiviert. Licht ist ein Symbol für Erkenntnis und Wahrnehmung all dessen und insofern der Anfang von Befreiung. Vielleicht ahnen Sie, dass Gewalttaten im Namen Gottes mir nicht weniger ein Gräuel sind als Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Helgo Jacobs

Abschließende Worte ...

Sehr geehrter Herr Jacobs,

mit Ihrer dürren und unverbindlichen Antwort haben Sie es tunlichst vermieden, auf die präzisen Punkte meines Schreibens einzugehen. Ich hätte mir schon von Ihnen gewünscht, eindeutige Worte zur fast vollständigen Eliminierung der Tierwelt aus der christlichen Metaphysik zu hören und zu erfahren, womit dieser Anthropozentrismus begründet ist und dauerhaft immer noch gepredigt wird. Unendliches Elend kam und kommt damit über alle nicht-menschliche Spezies, was den christlichen Kirchen offensichtlich aber völlig gleichgültig ist, wird doch der christlich geprägte metaphysische Überheblichkeits-Rahmen zusammenfassend von folgenden Säulen getragen:

  • Die Hierarchie aller Existenz beginnt mit Gott, besitzt als Mittelbau den Mensch und dieser ist wiederum dem Leben der gesamten Natur übergeordnet, das dem Menschen zu seinem Nutzen zur Verfügung gestellt wurde.
  • Der Mensch ist das Ebenbild Gottes. 
  • Nur der Mensch besitzt eine unsterbliche Seele und kann ewiges Leben erhoffen.
  • Nur dem Menschen ist tiefgreifende Begabung zur Vernunft gegeben.
  • Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, ihr letztendliches Ziel und ihm ist eine Würde immanent, die vorrangig vor jeder anderen Lebensform steht.

Vor dem Hintergrund dieser metaphysischen Grundaxiome ist das heutig gültige, profane, weltliche Denkmuster zu betrachten, welches als Transformator der metaphysischen Vorgaben auf das tägliche Leben wirkt. Sigmund Freud beschreibt das Gesagte in folgenden Zeilen:

Eine besondere Bedeutung beansprucht der Fall, dass eine größere Anzahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücksversicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen wir auch die Religionen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.

Johann Most ergänzt: Je mehr der Mensch an Religion hängt, desto mehr glaubt er. Je mehr er glaubt, desto weniger weiß er. Je weniger er weiß, desto dümmer ist er. Je dümmer er ist, desto leichter kann er regiert werden! — Dieser Gedankengang war den Tyrannen aller Länder und Zeiten geläufig, daher standen sie auch stets mit den Pfaffen im Bunde.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es im Endeffekt den Kirchen nicht um die Vermittlung einer Barmherzigkeits-Ethik – wie so gern behauptet - geht, sondern um Erhalt und Festigung von politischer und ökonomischer Macht, Ist doch Leid gleich verteilt unter allen Lebewesen und nicht nur beim Menschen vorhanden. Barmherzigkeit kann niemals Leidensminimierung bei einer Spezies zu Lasten aller anderen Lebensformen bedeuten. Insofern ist alle christliche, besser gesagt, jede monotheistische Ethik, fragmentarisch und als moralische Richtschnur unbrauchbar.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Gunter Bleibohm

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Kommentar von Wolfgang Weuster |

Einen Kirchenmann, der froh und dankbar ist, dass Kant ihn von der Last des Gottesbeweises rechtzeitig befreit hat und dessen Bildung daher auch bei Kant enden musste (brachte vieles nach Kant seine "Rettung" doch wieder in Gefahr) , konnten Ihre Gedanken und Worte nicht erreichen. Musste sofort an "Kieselsteine" aus Widerrede I denken. Die tumben Toren können mit den gravierten Kieselsteinen, die sie erreicht haben, nichts anfangen. Sie bleiben in ihren bornierten Denkreservaten gefangen. Trotzdem und gerade deshalb ist es unerlässlich, mit dem Werfen gravierter Kieselsteine fortzufahren, das Bombardement aufrecht zu erhalten!

Kommentar von JOACHIM SCHMIDT |

Was wäre die Welt reicher und blühender wenn man sie von den Bürden aller von Menschen gemachten Religionen befreien würde .